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Marlene Streeruwitz „Handbuch für die Liebe“, 04.06.2024

01.06.2024

Liebe. Lieben ist LebenWollenMachen.

Was es heißt, leben zu wollen. Was es heißt, Freude und Glück zu kennen. Was es heißt, Freude und Glück zu haben. Freude und Glück für andere zu wissen und für die Welt zu wollen. Das lernt sich mit der Liebe der allerersten Zeit darin, dass die uns versorgenden Personen uns lebenwollen sehen möchten. Darin ist Lieben das Gegenteil von Zerstörung. Lieben will Glück in Lebendigkeit. Solche Lebendigkeit ist ein Grundrecht.

Lieben ist darin das Gegenteil aller Massenvorstellungen von Menschheit. Es geht immer um diese je eine geliebte Person. Wir lieben viele Personen und jede auf diese je besondere Art. Solches Lieben und GeliebtWerden bestimmt damit jede Person als besonders. Es ist dieses Besondere, das durch Massenpolitik im Kosmos des Öffentlichen von Staat und Wirtschaft missachtet und vernichtet wird.

Es ist dieses Besondere, das die Machthabenden des Kosmos des Öffentlichen sich nehmen, wenn sie Personen misshandeln und in den Krieg schicken. Die Geschichte unserer Welt handelt aber von nichts anderem als von diesem Raub.

 

Liebe. Lieben erzählt sich in der geliebten Person.

Es ist ein platzend zerrendes Dringen aus der Brust nach außen, das sich in den Satz „Ich liebe dich.“ entlädt. Oder in die Umarmung. Oder in das Kochen einer Mahlzeit. In das Einlassen von Badewasser. In das Warten auf das Wiedersehen. In das Abholen von der Schule. Das Einkühlen von Champagner. Das Herauslegen von Kleidern für den nächsten Tag. Das Lesen von Lebenshilfebüchern, es besser machen zu wollen als die eigenen Eltern. Die geliebte Person verstehen wollen.

Lieben. Das ist der Gang in die Therapie. Das sind die schlaflosen Nächte. Oder das Wählen einer wirklich demokratischen Partei. Die Abgabe von Kleidern für Flüchtende. Die Aufbewahrung von Briefen. Sorgen. Das Behalten von Erinnerungsstücken. Das Betrachten von Fotografien. Das Zoom-Treffen. Der tägliche Gang in den Job. Das nächtliche Rechnen, wie sich das alles ausgehen soll. Das Studium von Diätkochbüchern. Das Nachdenken, welche Sportart am besten wäre. Das Anschauen eines Films, den eine sonst nicht angesehen hätte. In die Arme nehmen und mitweinen. Die Person in Trauer wiedererstehen lassen. Geduldig sein. Geduld aufbringen. Die Person wütend verteidigen. In Raserei verfallen. Sich auflösen in Hingabe. Skandale machen. Zur Rechenschaft ziehen. In Stille der Trauer zusehen, wie sie eine in Scherben zerbricht. In Stücke zerreißt. Wie sie eine in Kristalle aus Eis zerfallen lässt. In Erwartung jubeln.

Weinen. Immer wieder diese Tränen. Helle Tränen. Moorige Tränen. Tränenschleier. Sich größer fühlen. Sich kleiner machen. Angst. Um die Person. Die Personen. Angst um sich. Die Welt. Das Leben.

Und vielleicht ist es. Vielleicht ist es besser, das Lieben bleibt das Lieben selbst und kann nicht gesprochen werden. Die Sprachen im Kosmos des Öffentlichen reichen ja ohnehin nicht aus. Nur. Die Frage bleibt doch, warum das Ungesprochene nichts wert ist. Warum das Lieben einer Person die geliebte Person nicht retten kann.

Wie wir das in diesem Krieg wieder sehen müssen. Wie Krieg uns das in Endgültigkeit vorführt. Wie wir uns täglich mit der Absurdität der Herrschaft im Kosmos des Öffentlichen über das Lieben konfrontiert sehen. Wie in den wiederum staatlich getöteten Personen im Krieg das Lieben dieser Person und das Lieben aller rund um diese Person getötet wird. Wie Trauer abgefordert wird. Wie wir Leibeigene des Kosmos des Öffentlichen sind. Vielleicht ist es das, weshalb dann doch eine Sprechsprache des Liebens entwickelt werden muss, das Argument gegen solche Absurdität führen zu können.

 

Liebe. Lieben ist Entkommen.

Wir sind alle Überlebende in dem immerwährenden Krieg, den der Kosmos des Öffentlichen gegen das Lieben und damit gegen das Leben führt. Wir sind Überlebende von all denen, die durch das GeliebtWordenSein der allerersten Zeit vor dem Patriarchalen gerettet wurden. Wir bleiben Überlebende, weil es die Zufälle im Kosmos des Öffentlichen erlaubten, die dann Glück genannt werden. Gleich wie.

Wir sind alle Überlebende der unendlichen Schrecken unserer Vorwelten. Darin sind wir wiederum alle gleich und könnten auch von dieser Gleichheit andere politische Antworten ableiten als nur Toleranz.

Unser ÜberlebtHaben ist eine Geschwisterschaft, die gegen den Terror des Kosmos des Öffentlichen besteht. Unsere Revolution müsste das Ziel haben, das Recht auf unser LebenWollenGemachtWerden im Kosmos der Pflege zum Mittelpunkt des Gesellschaftlichen zu nehmen. Die Voraussetzungen für die Durchsetzung dieses Grundrechts müssen geschaffen werden. Es gibt doch keinen Grund, diese Kultur des Mangels und der Dauererniedrigung als Regierte durch den Kosmos des Öffentlichen weiter zu dulden.

Der Kampf um das freundlichfriedlich Demokratische muss uns jene Autonomie verschaffen, aus der heraus wir sagen können, wir hätten selbst gelebt und waren nicht gelebt worden. (Marlene Streeruwitz, 24.2.2024 derstandard)

 

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